Soloprogramme

Du bist meine Mutter

Du bist meine Mutter

 

Sensible Studie über das Altern

Andreas Klaue spielt „Du bist meine Mutter“ von Joop Admiraal

Wie jeden Sonntag macht sich ein schon leicht angegrauter Sohn auf, seine an Alzheimer erkrankte Mutter im Pflegeheim zu besuchen. Unterwegs berichtet er von seinen Problemen und seiner Kindheit. Dort angekommen, beugt er sich über ein leeres Bett und spricht mit seiner imaginären Mutter, die, von ihm selbst gesprochen, mit zittriger Stimme antwortet. Vor den Augen des Publikums zieht Joop seine Kleidung aus und die seiner Mutter an. Er verwandelt sich in eine gebrechliche alte Frau, die ohne Hilfe ihres Sohnes nicht einmal mehr in der Lage ist, ihre Schuhe anzuziehen.

Diese schon zur Routine gewordenen Besuche sind für beide Seiten zwar schmerzlich, aber in gewisser Weise auch tröstlich. So wird in fast automatisierten Floskeln die eigene Vergangenheit immer wieder aufs Neue hervorgeholt und ein Stück weit verarbeitet. Die zahlreichen Stereotypen scheinen nicht nur der Mutter Kraft und Orientierung zu geben, auch Joop, der Sohn, erkennt in solchen einstudiert klingenden Dialogen gewohnte und geliebte Züge der Mutter wieder. Das gibt Hoffnung, macht Mut und beruhigt. Der beider­seitige Entfremdungsprozess und das stetige Abschiednehmen von Vertrautem scheinen in solchen lichten und klaren Momenten der Mutter, zumindest für kurze Zeit, aufgehoben zu sein.

Doch die unheilbare Krankheit bringt auch jene deprimierenden und manchmal kaum mehr auszuhaltenden Rückschritte mit sich, die es so schwer machen, mit Demenzkranken umzugehen: Man muss es aushalten können, dass sich die Mutter, die man seit jeher als starke Frau kennt, von Mal zu Mal mehr wie ein Kleinkind verhält. So wird sie ganz unvermittelt von Weinkrämpfen geschüttelt, um sich einen Augenblick später unbändig über den mitgebrachten Schokoladenpudding zu freuen. Mancher Zuschauer wird da die Gefühle des Sohnes nachvollziehen können, wenn er, nachdem die Mutter aus dem Bett gestürzt ist und sich dabei „nur“ das Hüftbein gebrochen hat, in seinen Gedanken ei­nen Anflug von Enttäuschung bemerkt.

Ganz behutsam und zart werden solche und ähnliche Tabus in dem Stück des Niederlän­ders Joop Admiraal verarbeitet. Er beschreibt die eigenen Erlebnisse mit der kranken Mut­ter.

Pflegende Angehörige werden täglich mit unzähligen solcher Situationen konfrontiert. Jene schwierige Beziehung zu kranken Menschen, welche charakterisiert ist durch eine eigentümliche Mischung aus Mitleid und Ungeduld, aus Liebe und unbändiger Wut, wird auf der Bühne präsent. Auszuhalten, dass einen die eigene Mutter nicht mehr erkennt, ist dann nur mehr ein Punkt von vielen- auf dem Weg des langen Abschiednehmens.

„Joop Admiraal hat Wirklichkeit zu Kunst gemacht“, hieß es im Bericht der Preis­jury, als er für „Du bist meine Mutter“ 1981 die höchste niederländische Auszeichnung für Schauspieler, den „Louis d’Or“, erhielt. In Deutschland wurde er u.a. mit dem begehr­ten Adolf-Grimme-Preis für die Filmfassung des Stücks ausgezeichnet.

Andreas Klaue begann seine Karriere, nachdem er sein Schauspielstudium absolviert hatte, am Ulmer Theater, bis er  1991 ans Pfalztheater Kaiserslautern wechselte. Von 1997 bis 2001 war er am Badischen Staatstheater Karlsruhe, seit der Spielzeit 2001/02 ist Andreas Klaue an den Schauspielbühnen  Stuttgart engagiert. Er arbeitet regelmäßig für Rundfunk und Fernsehen und hat auch mit seinen Kabarett-Programmen große Erfolge erzielt.

 

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.